• Ines Abraham

Hühner und die Wiedergeburt

Von RH

Erneuter Besuch im Camp der Evakuierten in Bunutan. Diesmal zusammen mit unserem Freund Derk und seinem Resort-Manager Putu. Er ist Besitzer des auf TripAdvisor höchstbewerteten Restaurants der Küste, Teil eines kleinen, aber feinen Resorts in Bunutan. Nur noch wenige ‘evakuasi’ befinden sich im Camp. Zumeist Frauen mit ihren Kindern. Die meisten Männer seien in ihre Häuser am Fusse des Mount Agung zurückgekehrt, um das Vieh zu füttern und die Felder zu bestellen. Abends kämen einige von ihnen wieder ins Camp zurück. Der Vorsteher der Gemeinde ist vor Ort und beantwortet geduldig und ausführlich unsere Fragen. Uns interessiert brennend, ob es denn eine offizielle Genehmigung gebe, die Häuser in den gefährdeten Bereichen aufzusuchen. Dank Putus Übersetzungshilfe erfahren wir, dass es den jungen und kräftigen Männern erlaubt sei, sich tagsüber in der Gefahrenzone aufzuhalten. Im Falle eines plötzlichen Ausbruchs könnten sie ja mit dem Motorrad oder zu Fuss vor der Lava fliehen. Von pyroklastischen Strömen oder Laharen, lawinenartigen Ascheströmen, die mit über 200 Km/h niedergehen und alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt, wollen sie erst einmal gar nichts wissen. Balinesen sind geborene Optimisten, und in schlimmeren Fällen eben Fatalisten.


Unsere bei jedem Besuch gestellte Frage nach den wichtigsten Dingen, die im Camp benötigt werden, wird erst nach dem etwa dritten Anlauf beantwortet. ‘Ayam’, Huhn wäre sehr willkommen. Derk und ich beschliessen spontan, eine Hühnerfarm aufzusuchen und das Camp mit Pouletfleisch zu versorgen. Die Fahrt an den Rand der roten Gefahrenzone dauert etwa 20 Minuten. Schnell sind wir uns mit dem Besitzer über den Preis von 10 Hühnern einig: 35,000 Rupiah, etwa 2.60 Franken pro Kilo Huhn, gerupft. Er zeigt auf ein paar weisse, kräftige Hühner, die sich in eine Ecke des grossen Freilaufstalles drängen, als ob sie ihr Schicksal erahnten. Sie leisten keine Gegenwehr, als der Besitzer zehn von ihnen in einen Korb legt.


In Bali werden alle Tiere geschächtet. Wir hingegen würden einem Huhn nach entsprechender Betäubung den Kopf abhacken, um es schmerzlos und stressfrei zu töten. Das tun die Balinesen aus Rücksicht auf den Glauben an die Wiedergeburt nicht. Eigentlich logisch, denn ohne Kopf keine Wiedergeburt.


Wir wollen uns den schwer verkraftbaren Anblick des Schlachtens der Hühner ersparen und vertreten uns in einer benachbarten Entenfarm die Füsse. Nach einer halben Stunde liegen die bedauernswerten Hühnervögel gerupft, aber mit sonst allem dran, und auf 21 Kilogramm gewogen in einer Plastikwanne, bereit, nach Bunutan ins Camp geliefert zu werden.

Dort wird eiligst der Kühlschrank von allem Gemüse befreit, um für die Hühner Platz zu schaffen.


Heutige Lektion in balinesischer Kultur: Die Balinesen ehren zwar ihre Vorfahren, essen aber lieber Huhn als Gemüse.