• Ines Abraham

Die Zweitgeborenen von Lipah

Wir sassen im Cafe Indah und genossen gegrillten Fisch. Es war Regenzeit und somit Nebensaison. Wir waren die einzigen Gäste. Ein etwa 40-jähriger Mann kam auf uns zu und begrüsste uns. Auf die Frage, wie er hiesse, antwortete der Mann: "Made." "Oh, wie unsere Nachbarin", sagten wir erstaunt. "Ist Made denn ein Name für beide Geschlechter?" Ja, Made könnten Männer und Frauen heissen, liess Made verlauten.


Eine Frau kam vorbei und rief unserem neuen Bekannten etwas zu. Er winkte sie heran. "Das ist meine Frau, Made", sagte er. Wir schmunzeln. Sie sei Masseurin und habe eine kleine Boutique am Strand. Was er denn so mache, fragten wir ihn. Er arbeite in einem Hotel und trainiere die Badmingtonspieler von Lipah. Sein bester Schüler heisse Made und habe gerade die Regionalmeisterschaft in Amlapura gewonnen.


"Wie kommt es, dass so viele Leute Made heissen", fragten wir. "Made heissen alle Zweitgeborenen in Bali", wurden wir belehrt. "Made oder manchmal auch Kadek." Wir lauschten andächtig unserer ersten Lektion in balinesischer Namensgebung, die weltweit einzigartig ist. Alle Balinesen werden nach ihrer Geburtenfolge benannt. Wayan, das ist der oder die Erste. Wayan, oder manchmal auch Putu oder Gede. Die Drittgeborenen heissen dann Nyoman oder Komang. Das vierte Kind heisst immer Ketut. So weit, so gut. Wir sind ja gelehrige Schüler oder wollten zumindest den Anschein erwecken.


Ein anderer Mann kam hinzu, der ihm irgendwie ähnlich sah. "Das ist mein Bruder, Made. Er ist der Besitzer dieses Restaurants und spielt Flöte." Wir stutzten nun definitiv. "Seid ihr Zwillinge?" fragten wir naiv. Das wurde energisch verneint. Nein, der Bruder sei eigentlich Nummer 6 in der Geschwisterfolge. Doch die balinesische Namensgebung fängt nach 4 Kindern einfach wieder von vorne an. Das fünfte Kind ist also dann wieder Wayan, das sechste Made und so weiter. Es gibt bestimmt einen tiefgründigen psychologischen und kulturellen Hintergrund dieser Namensgebung, aber das Vermeiden von Missverständnissen scheint bei der Einführung dieses Systems nicht im Vordergrund gestanden zu haben.


"Wie wisst ihr denn, welcher oder welche Made gemeint ist, wenn jemand den Namen ruft?" fragten wir. Made beantwortete unseren Mangel an Originalität mit einem geduldigen Lächeln. "Wir wissen es nicht. Wir fragen eben."


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